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Inhalt
des Heftes 124 (September 2026)
Aus dem Heft 124: Bittere Armut in Dingelstedt 1947 Von Lutz Römmer-Collmann Die 1944/45 aus den Ostgebieten geflüchteten und vertriebenen Deutschen besaßen außer ihrem Leben nur, was jeder tragen konnte. Sie landeten in Dingelstedt, einem reichen Zuckerrüben-Bauerndorf, an dem der Krieg selbst kaum Spuren hinterlassen hatte. Es wurden viele Familien aus Ostpreußen, Schlesien und Siebenbürgen zwangsweise einquartiert. Sehr viele Einheimische waren damit gar nicht zufrieden und boten, trotz ausreichendem Platz im Hause, nur Notquartiere an. So ging es auch der bitterarmen Familie meines Schul- und Spielfreundes Gustav, die aus Siebenbürgen geflohen war. Sie hatten zwar hinlänglich zu essen, waren aber mit fünf Personen in einem Geschäftshaus an der Bahnhofstraße auf dem Dachboden mit unverputzten Dachziegeln und blankem Estrichboden untergekommen. Geheizt und gekocht wurde notdürftig auf einem sogenannten Kanonenofen. Vom gemeinsamen Spielen im Huy durften wir nie ohne ein Stück Brennholz zurückkommen. Der Winter 1946/47, einer der kältesten im letzten Jahrhundert, neigte sich dem Ende zu und das dicke Eis auf den beiden Dorfteichen in Dingelstedt an der Bahnchaussee – Schusterteich und Schlosserteich – begann zu schmelzen und zu brechen. Wir Kinder, damals acht Jahre alt, trafen uns mit Äxten ausgerüstet nach der Schule am Schlosserteich und hackten aus großen Eisstücken kleinere Schollen. In der Mitte der Schollen bohrten wir ein Steuerloch, in das wir eine lange Bohnenstange steckten, die bis zum Grund reichte und mit der wir die Scholle bewegen und im freien Wasser etwas steuern konnten. Für uns Kinder war das ein großes Abenteuer, denn wir sprangen von Scholle zu Scholle oder bewegten uns mit den Eisschollen über den Teich. Gustav und ich bildeten eine Piratencrew. Wie zu erwarten, ging die Flößerei nicht auf Dauer gut. Unsere Scholle brach in der Mitte durch und wir versanken im eiskalten Wasser. Ehe die Nässe richtig durch unsere Kleider gedrungen war, hatten wir uns selbst wieder aufs Eis retten können. Nur Gustav sah sich ängstlich um, war sehr aufgeregt und Tränen kullerten ihm über die Wangen. Er hatte seinen rechten Schuh im Wasser verloren und traute sich nun trotz der Nässe nicht nach Hause. Was sagte ich, seinen Schuh? Es war das ausgeliehene Paar Schuhe seines Vaters, der gehbehindert war und nur im Notfall die Dachwohnung verließ. Ein einziges Paar Schuhe für zwei Familienmitglieder und was für ein Paar? Der gesunkene Schuh war ein sogenannter „Klotschen“ oder „Klomben“. Vom Vater aus einer ca. 15 mm dicken Holzsohle mit an den Seiten angenageltem starkem Leinenstoff selbst gefertigt. Der Stoff wurde oben mit drei Lederschnallen verschlossen. Die Klotschen waren plump, unbequem und schwer. Aber wegen der starken Holzsohlen war ja mit einem Auftauchen des Schuhs zu rechnen. Deshalb standen an den folgenden Tagen häufig ein oder zwei Familienmitglieder bei nasskaltem Wetter am Abfluss des Teiches und warteten auf ein Auftauchen des Klotschen; leider ohne Erfolg. |
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